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Grenznutzen und subjektiver Wert erklärt

Wasser ist lebenswichtig und kostet fast nichts. Ein Diamant ist entbehrlich und kostet ein Vermögen. Wie erklärt sich das? Die Antwort auf diese Frage veränderte die Wirtschaftstheorie grundlegend. Und sie erklärt auch, warum Bitcoin Wert hat.

«Wert ist die Bedeutung, die konkrete Güter für uns erlangen, weil wir unsere Bedürfnisbefriedigung von der Verfügung über sie abhängig wissen.»

Carl Menger, «Grundsätze der Volkswirthschaftslehre», 1871

Das Wasser-Diamant-Problem

Adam Smith beschrieb in «Der Wohlstand der Nationen» (1776) ein Rätsel, das er selbst nicht lösen konnte: Warum ist Wasser, ohne das kein Mensch überleben kann, fast kostenlos? Und warum kostet ein Diamant, den man nicht wirklich braucht, so viel?

Smith selbst, und nach ihm David Ricardo und Karl Marx, versuchten, Wert an der Arbeit festzumachen, die zur Herstellung nötig ist. Marx formulierte es so:

«Der Wert einer Ware ist bestimmt durch die in ihr enthaltene, zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendige Arbeitsmenge.»
— Karl Marx, «Das Kapital», 1867

Aber das funktionierte nicht. Ein handgemachter Stuhl kostet mehr Arbeit als ein Fabrikstuhl. Trotzdem ist er oft weniger wert. Die Frage blieb lange offen.

Das Problem kurz gefasst: Wie kann etwas Lebenswichtiges billig sein, während etwas Entbehrliches teuer ist?

Was ist Grenznutzen?

1871 veröffentlichten drei Ökonomen unabhängig voneinander die Antwort: Carl Menger in Wien, William Stanley Jevons in Manchester und Léon Walras in Lausanne. Die Idee: Wert entsteht nicht am Gut als Ganzem, sondern an der nächsten verfügbaren Einheit.

Diese nächste Einheit nennt man Grenzeinheit. Den Nutzen, den sie bringt, nennt man Grenznutzen. Damit löst sich das Rätsel sofort:

Das Paradoxon aufgelöst

Wasser: Vorhanden in grossen Mengen. Du hast schon getrunken, gekocht, geduscht. Die nächste Einheit Wasser bringt dir kaum noch etwas. Niedriger Grenznutzen, niedriger Preis.

Diamant: Extrem selten. Jedes weitere Exemplar ist begehrt und wertvoll. Hoher Grenznutzen, hoher Preis.

Das Wüsten-Beispiel: Ein Mensch in der Wüste ohne Wasser würde seinen gesamten Diamanten für eine Flasche Wasser hergeben. Wasser hat in diesem Moment einen höheren Grenznutzen als ein Diamant. Zu Hause am Wasserhahn ist es umgekehrt. Grenznutzen hängt immer von der Menge und der Situation ab, nicht vom Gut allein.

Grenznutzen verändert sich mit der Situation
🏠 Zu Hause
💧 Wasser
gering
💎 Diamant
hoch
🏜️ In der Wüste
💧 Wasser
sehr hoch
💎 Diamant
kaum
Dasselbe Gut, dieselbe Menge, aber ein völlig anderer Grenznutzen.

Wert ist subjektiv

Carl Menger zog aus dieser Erkenntnis eine wichtige Schlussfolgerung: Wert steckt nicht in Dingen. Ein Diamant ist nicht «von Natur aus» wertvoll. Wert entsteht immer durch die Einschätzung eines konkreten Menschen in einer konkreten Situation.

Das nennt man subjektive Werttheorie. Sie besagt:

  • Verschiedene Menschen schätzen dasselbe Gut unterschiedlich.
  • Dieselbe Person schätzt ein Gut zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich.
  • Wert lässt sich nicht objektiv messen, nur durch Entscheidungen beobachten.

Ein Alltagsbeispiel: Du zahlst 5 Franken für einen Kaffee, weil du den Kaffee gerade mehr schätzt als das Geld. Der Barista verkauft ihn, weil er das Geld mehr schätzt als den Kaffee. Beide profitieren. Kein «objektiver Wert» des Kaffees ist nötig.

Abnehmender Grenznutzen

Es gibt eine einfache Regel: Je mehr du von etwas hast, desto weniger nützt dir die nächste Einheit. Das heisst Gesetz des abnehmenden Grenznutzens.

Stell dir vor, du hast drei Tage nichts gegessen. Die erste Portion Brot ist lebensrettend. Die zweite ist immer noch willkommen. Bei der fünften bist du schon satt. Die zehnte willst du nicht mehr.

Abnehmender Grenznutzen, schematisch
1. Einheit
sehr hoch
2. Einheit
hoch
3. Einheit
mittel
4. Einheit
gering
5. Einheit
sehr gering
Mit jeder weiteren Einheit sinkt der Nutzen.

Dieses Gesetz erklärt, warum Preise sinken müssen, um mehr zu verkaufen. Wer schon ein Exemplar hat, kauft ein zweites nur zu einem tieferen Preis, weil sein Grenznutzen gesunken ist.

Bitcoin und Grenznutzen

Bitcoin verhält sich bei einigen Punkten anders als normale Güter. Das macht es wirtschaftlich interessant.

Absolute Knappheit

Es gibt genau 21 Millionen Bitcoin, nie mehr. Das ist im Protokoll festgelegt und unveränderbar. Bei Gold kann mehr Mining mehr Gold produzieren, wenn der Preis steigt. Bei Bitcoin nicht: Mehr Mining ändert nichts an der Gesamtmenge. Sie bleibt konstant.

Wenn mehr Menschen Bitcoin haben wollen, die Menge aber gleich bleibt, bleibt jeder Bitcoin knapp und begehrt. Das hält den Grenznutzen hoch.

Bitcoin hat keinen inneren Wert. Das ist kein Problem.

Häufig hört man: Bitcoin hat keinen inneren Wert, also ist es wertlos. Das ist ein Missverständnis. Laut subjektiver Werttheorie hat nichts einen objektiven, innewohnenden Wert.

Auch Papiergeld hat keinen inneren Wert. Es ist nur Papier. Gold hat keinen inneren Wert jenseits seiner physischen Eigenschaften. Der Wert entsteht immer dadurch, dass Menschen etwas als wertvoll einschätzen.

Bitcoin hat Wert, weil Millionen Menschen seine Eigenschaften schätzen: begrenzte Menge, keine zentrale Kontrolle, weltweite Übertragbarkeit, Zensurresistenz. Das ist subjektiver Wert, kein Fehler.

Die Österreichische Schule

Carl Menger war der Gründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Auf seinem Werk bauten spätere Ökonomen auf.

Ludwig von Mises entwickelte daraus eine Theorie des menschlichen Handelns: Wirtschaft entsteht aus den Entscheidungen einzelner Menschen, nicht aus abstrakten Gesetzen. Jede wirtschaftliche Handlung ist ein Tausch von etwas weniger Geschätztem gegen etwas mehr Geschätztes.

Friedrich Hayek betonte, dass Preise Informationen tragen. Wenn Kaffee plötzlich teurer wird, weiss jeder Café-Betreiber automatisch, dass er sparsamer damit umgehen soll. Keine Behörde muss das anordnen. Ein Marktpreis fasst das Wissen aller Käufer und Verkäufer zusammen, effizienter als jede Planung.

Bitcoin passt gut in diesen Rahmen. Sein Preis entsteht durch Millionen individueller Entscheidungen weltweit. Keine Zentralbank setzt ihn fest. Und seine begrenzte Menge kann nicht durch politische Entscheide ausgeweitet werden.

Häufige Fragen

Was ist Grenznutzen?

Grenznutzen ist der Nutzen, den eine weitere Einheit eines Guts bringt. Je mehr man schon hat, desto geringer ist dieser Nutzen. Deshalb sinkt die Zahlungsbereitschaft mit jeder weiteren Einheit.

Warum kostet Wasser weniger als Diamanten?

Weil Wasser in den meisten Regionen reichlich vorhanden ist. Die nächste Einheit bringt kaum noch Nutzen. Diamanten sind selten. Jedes weitere Exemplar ist begehrt. Preise spiegeln immer den Grenznutzen der nächsten Einheit wider, nicht die Gesamtwichtigkeit des Guts.

Hat Bitcoin einen inneren Wert?

Laut subjektiver Werttheorie hat nichts einen objektiven innewohnenden Wert. Bitcoin hat Wert, weil viele Menschen seine Eigenschaften schätzen: knappe Menge, keine zentrale Kontrolle, Zensurresistenz. Dasselbe gilt für Gold oder Papiergeld.

Was ist die Österreichische Schule?

Eine wirtschaftstheoretische Denkschule, gegründet von Carl Menger in Wien. Sie betont subjektiven Wert, individuelle Entscheidungen und die Grenzen zentraler Planung. Bitcoin wird häufig aus diesem Blickwinkel analysiert.

Was bedeutet das konkret für Bitcoin-Nutzer?

Wer Bitcoin kauft, bewertet seine Eigenschaften subjektiv als wertvoll: knappe Menge, keine zentrale Kontrolle, Schutz vor Inflation. Andere sehen das anders. Beide Seiten haben subjektiv Recht. Der Marktpreis ist das Ergebnis dieser vielen unterschiedlichen Einschätzungen.

Quellen

  • Menger, Carl: «Grundsätze der Volkswirthschaftslehre», Wien, 1871
  • Mises, Ludwig von: «Human Action: A Treatise on Economics», Yale University Press, 1949
  • Hayek, Friedrich A.: «The Use of Knowledge in Society», American Economic Review, 1945
  • Smith, Adam: «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations», 1776
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