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Was ist Fiatgeld?

Seit 1971 basiert das globale Geldsystem auf Fiat-Währungen – Geld, das nicht durch Gold oder andere Waren gedeckt ist. Wie dieses System funktioniert, welche Vor- und Nachteile es hat und was es für die Kaufkraft bedeutet.

«The central bank must be trusted not to debase the currency, but the history of fiat currencies is full of breaches of that trust.»

Satoshi Nakamoto, P2P Foundation, 2009

Definition: Geld per Dekret

Das Wort „Fiat" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „es werde" oder „es geschehe". Fiatgeld ist Geld, das seinen Wert nicht aus einem zugrunde liegenden Material bezieht (wie Gold oder Silber), sondern aus der Anordnung eines Staates. Es ist Geld, weil eine Regierung erklärt, dass es Geld ist – und weil die Bürger es als solches akzeptieren.

Seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1971 sind alle grossen Weltwährungen Fiatgeld: der US-Dollar, der Euro, der Schweizer Franken, das britische Pfund. Keine dieser Währungen ist durch eine physische Ware gedeckt.

Was Fiatgeld stützt, ist ein Zusammenspiel aus:

  • Gesetzlichem Zahlungsmittel: Der Staat erklärt die Währung zum offiziellen Zahlungsmittel. Steuern müssen in dieser Währung bezahlt werden.
  • Vertrauen: Die Bevölkerung vertraut darauf, dass die Währung morgen noch ähnlich viel wert ist wie heute.
  • Institutionen: Zentralbanken sollen die Stabilität der Währung sicherstellen.

Wie Fiatgeld entsteht

Ein weit verbreitetes Missverständnis besagt, dass Geld von der Zentralbank „gedruckt" wird. Die Realität ist komplexer. Fiatgeld entsteht auf zwei Wegen:

1. Zentralbankgeld (Basisgeld)

Die Zentralbank – in der Schweiz die SNB, im Euroraum die EZB, in den USA die Fed – erzeugt Basisgeld. Sie kann dies tun, indem sie Vermögenswerte kauft (z.B. Staatsanleihen oder Devisen) und dafür neu geschaffenes Geld auf die Konten der Geschäftsbanken gutschreibt. Physische Banknoten und Münzen werden ebenfalls von der Zentralbank in Umlauf gebracht, machen aber nur einen kleinen Teil der gesamten Geldmenge aus.

2. Geschäftsbankgeld (Giralgeld)

Der grösste Teil des Geldes in einer modernen Volkswirtschaft wird nicht von der Zentralbank geschaffen, sondern von Geschäftsbanken durch Kreditvergabe. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, schreibt sie den Betrag auf dem Konto des Kreditnehmers gut – ohne dass dieses Geld vorher existiert hätte. Die Bank erschafft buchstäblich neues Geld durch einen Buchungseintrag.

Beispiel: Eine Bank vergibt einen Hypothekenkredit über 500.000 Euro. Sie überweist den Betrag auf das Konto des Kreditnehmers. Dieses Geld existierte vorher nicht – es wurde durch den Kreditvertrag geschaffen. Gleichzeitig entsteht eine Forderung der Bank gegen den Kreditnehmer. Wenn der Kredit zurückgezahlt wird, wird das Geld wieder „vernichtet".

Dieses System der Geldschöpfung durch Kreditvergabe (auch „fraktionales Reservesystem" genannt) bedeutet, dass die tatsächliche Geldmenge weit grösser ist als das von der Zentralbank direkt geschaffene Basisgeld. Die Geschäftsbanken müssen nur einen Bruchteil der vergebenen Kredite als Reserve halten.

Geldmengen: M0, M1, M2, M3

Um die verschiedenen Arten von Geld zu messen, verwenden Ökonomen abgestufte Geldmengen-Definitionen:

  • M0 (Basisgeld): Bargeld im Umlauf plus Reserven der Geschäftsbanken bei der Zentralbank. Auch „Monetary Base" oder „Zentralbankgeld" genannt.
  • M1: M0 plus Sichteinlagen (Geld auf Girokonten, das jederzeit abgehoben werden kann).
  • M2: M1 plus Spareinlagen, Termineinlagen und andere kurzfristige Einlagen.
  • M3: M2 plus grössere Termineinlagen, institutionelle Geldmarktfonds und andere weniger liquide Positionen.

Der Unterschied zwischen den Geldmengen ist erheblich. In den meisten entwickelten Volkswirtschaften ist M3 ein Vielfaches von M0. Das bedeutet: Der grösste Teil des „Geldes" in der Wirtschaft existiert nur als digitaler Buchungseintrag bei Geschäftsbanken – nicht als physisches Bargeld oder Zentralbankreserven.

Inflation und Kaufkraftverlust

Eines der zentralen Merkmale von Fiatgeld ist sein tendenzieller Kaufkraftverlust über die Zeit. Zentralbanken in westlichen Ländern streben typischerweise eine Inflationsrate von etwa 2 % pro Jahr an – ein Niveau, das sie als förderlich für wirtschaftliches Wachstum betrachten.

Was zunächst moderat klingt, hat langfristig erhebliche Auswirkungen. Die folgende Übersicht zeigt den ungefähren Kaufkraftverlust wichtiger Währungen über die letzten 50 Jahre (seit Mitte der 1970er Jahre):

Währung Kaufkraftverlust seit ~1975 Durchschnittl. Inflation/Jahr
US-Dollar (USD) ca. 85 % ca. 3,8 %
Euro / D-Mark (EUR) ca. 75 % ca. 2,8 %
Schweizer Franken (CHF) ca. 60 % ca. 1,8 %

Die Zahlen bedeuten konkret: Was 1975 für 100 US-Dollar gekauft werden konnte, kostet heute über 600 Dollar. Der Schweizer Franken hat sich dank vergleichsweise konservativer Geldpolitik besser gehalten, doch auch er hat über 50 Jahre mehr als die Hälfte seiner Kaufkraft eingebüsst. (Quellen: BLS CPI, Eurostat HICP, BFS LIK)

Inflation ist keine Naturgewalt. Sie ist das Ergebnis geldpolitischer Entscheidungen. Die Frage, ob moderate Inflation wünschenswert oder schädlich ist, gehört zu den am intensivsten diskutierten Themen der Ökonomie. Es gibt sachliche Argumente auf beiden Seiten.

Vor- und Nachteile von Fiatgeld

Eine sachliche Bewertung des Fiat-Systems erfordert, sowohl Stärken als auch Schwächen anzuerkennen:

Argumente für Fiatgeld

  • Flexibilität: Zentralbanken können auf wirtschaftliche Schocks reagieren – etwa durch Zinssenkungen in Rezessionen oder Liquiditätshilfen in Finanzkrisen. Unter einem starren Goldstandard waren solche Eingriffe begrenzt.
  • Skalierbarkeit: Die Geldmenge kann mit der Wirtschaft wachsen, ohne von der Goldproduktion abhängig zu sein.
  • Krisenbewältigung: In akuten Krisen (Finanzkrise 2008, Covid-Pandemie 2020) konnten Zentralbanken als „Kreditgeber der letzten Instanz" agieren und Zusammenbrüche des Finanzsystems verhindern.
  • Etablierte Infrastruktur: Das bestehende Bankensystem ermöglicht Millionen von Transaktionen täglich und ist weitgehend stabil.

Argumente gegen Fiatgeld

  • Kaufkraftverlust: Die systematische Entwertung benachteiligt Sparer und Menschen mit festen Einkommen. Wer sein Geld nicht investiert, verliert real Vermögen.
  • Vertrauensabhängigkeit: Das System funktioniert nur, solange das Vertrauen in Institutionen besteht. Dieses Vertrauen kann schnell schwinden, wie Beispiele von Hyperinflation zeigen.
  • Fehlanreize: Die Möglichkeit, Geld zu schaffen, kann zu übermässiger Verschuldung, Vermögensblasen und der Finanzierung von Ausgaben durch Geldschöpfung statt durch Steuereinnahmen führen.
  • Verteilungseffekte: Neues Geld erreicht nicht alle gleichzeitig. Wer zuerst Zugang zu neu geschaffenem Geld hat (Banken, grosse Unternehmen, vermögende Anleger), profitiert auf Kosten derjenigen, die es zuletzt erhalten (der sogenannte Cantillon-Effekt).
  • Politische Instrumentalisierung: Die Geldpolitik kann für kurzfristige politische Ziele missbraucht werden, insbesondere in Ländern mit geringer Zentralbank-Unabhängigkeit.

Hyperinflation – historische Beispiele

Hyperinflation – definiert als eine monatliche Inflationsrate von über 50 % – ist das extremste Versagen eines Fiatgeldsystems. Sie tritt auf, wenn das Vertrauen in eine Währung vollständig zusammenbricht, typischerweise als Folge unkontrollierter Geldschöpfung.

Weimarer Republik (1921–1923)

Deutschland finanzierte den Ersten Weltkrieg grossteils über Schulden und Geldschöpfung. Die anschliessenden Reparationszahlungen und die Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich verschärften die Lage. Die Regierung reagierte, indem sie immer mehr Geld druckte. Im November 1923 betrug der Preis für ein Brot 200 Milliarden Mark (gemäss historischen Aufzeichnungen der Deutschen Bundesbank). Die Hyperinflation zerstörte die Ersparnisse der Mittelschicht und hinterliess ein tiefes Misstrauen gegenüber Papiergeld, das die deutsche Geldpolitik bis heute prägt.

Zimbabwe (2007–2009)

Die Regierung unter Robert Mugabe finanzierte Landreformen, militärische Abenteuer und Staatsausgaben zunehmend über die Notenpresse. Die Inflation erreichte im November 2008 eine geschätzte Rate von 79,6 Milliarden Prozent pro Monat (gemäss Hanke/Krus, Cato Institute). Die Preise verdoppelten sich alle 24 Stunden. Der Zimbabwe-Dollar wurde schliesslich aufgegeben; das Land nutzt seitdem vorwiegend den US-Dollar.

Venezuela (ab 2016)

Venezuela erlebte ab Mitte der 2010er Jahre eine schwere Hyperinflation, ausgelöst durch sinkende Ölpreise, wirtschaftliches Missmanagement und exzessive Geldschöpfung. Die kumulative Inflation zwischen 2016 und 2021 wird auf über 50 Millionen Prozent geschätzt. Millionen Venezolaner flohen ins Ausland, und der Bolivar verlor nahezu vollständig seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel.

Hyperinflation ist kein Phänomen, das ausschliesslich in „Entwicklungsländern" auftritt. Deutschland, Ungarn (1946, mit der höchsten je gemessenen Inflation) und Österreich (1922) waren europäische Industrienationen. Das gemeinsame Muster: unkontrollierte Geldschöpfung in Kombination mit dem Verlust institutioneller Glaubwürdigkeit.

Quellen

Nächste Schritte

Fiatgeld ist die Grundlage des heutigen Geldsystems. Verstehe nun, wie Bitcoin als Alternative konzipiert ist – und wie es sich an den klassischen Geldeigenschaften messen lässt.

BTC ...